Mein Platz im Chaos

Ein paar fiese Sprüche hört jedes Kind bestimmt mal. Was man aber daraus macht, wie man am besten damit umgeht und wie man seinen Wohlfühlplatz findest, erzählt uns Ilka Brühl im zweiten Teil ihres Interviews.

Du bist mit einer Nasen-Lippenspalte geboren. Wie war es für dich, „anders“ auszusehen? Was hat das für dich und deine Entwicklung und deinen Alltag bedeutet? Hat dir deine Umwelt das Gefühl gegeben, auch anders zu sein?
Von außen habe ich sehr wenig Ablehnung erfahren. Ein paar fiese Sprüche hört wohl jedes Kind mal. Doch ich habe mich selbst immer als hässlich abgestempelt und mir meine Anerkennung stattdessen über andere Dinge geholt. Bei vielen Dingen stand ich mir selbst sehr im Weg und wünschte mir, dass andere Kinder gleich mehr an sich glauben.

Was würdest du einer 10-jährigen Ilka heute raten?
Echt schwierig, weil ich ja viel Zuspruch erhalten habe. Manche Erfahrungen muss man wohl einfach selbst machen. Aber vielleicht würde ich ihr sagen, dass sie das, was sie als Schwäche sieht, einfach selbstbewusst zeigen darf. Denn unsere Ausstrahlung ist letztlich entscheidend. Es gibt makellose Menschen, die nicht an sich glauben oder die überheblich sind. Beide haben wahrscheinlich eine Ausstrahlung, die einen nicht umhaut. Aber jeder kennt bestimmt eine Person, bei der sich gar nicht genau erklären lässt, warum sie einen begeistert. Doch sie tut es, weil sie Selbstbewusstsein und Zufriedenheit ausstrahlt.

Wie ist es für dich, wenn du dich selbst im Spiegel anschaust? Worauf bist du stolz?
Früher fand ich es furchtbar. Heute kann ich das nicht mehr nachvollziehen. Durch die vielen Fotoshootings, die ich hatte, habe ich mich komplett mit meinem Äußeren angefreundet. Ich probiere mir regelmäßig ein Lächeln im Spiegel zuzuwerfen und kann einiges an mir ausmachen, was ich schön finde.

Du präsentierst dich öffentlich bei Social Media und stehst für Stärke jenseits von Oberflächlichkeiten. War eine Vorbildfunktion ein Ziel von dir, als du mit all dem angefangen hast?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe mich wie die meisten privat dort angemeldet. Wer bei Instagram weit runter scrollt, kann das sehen. Die alten Bilder lösche ich extra nicht, um authentisch zu zeigen, wie sich sowas entwickeln kann. Erst als die Rückmeldung kam, dass meine Inhalte andere aufbauen, habe ich das intensiviert. Denn mir macht es Spaß und wenn es dann noch anderen hilft – Jackpot!

Was macht dich stark?
Hmmm, ich bin nicht immer stark. Ich kann auch sehr verletzlich sein, insbesondere bei unsachlicher Kritik an meinen Illustrationen und Texten fühle ich mich schutzlos ausgeliefert. Da steckt so viel Herzblut drin, sowas geht mir immer nah. Aber wenn ich doofe Kommentare zu mir selbst lese, kann ich die fast immer einfach wegwischen und mir denken, dass die Person wahrscheinlich ein Problem mit sich selbst hat, welches sie jetzt auf mich überträgt. Ich nehme es nicht persönlich und ignoriere es. In starken Momenten bin ich wahrscheinlich sehr in mir ruhend und gebe wenig auf die Meinung, die andere von mir haben können. Denn ich bin nicht auf dieser Welt, um irgendwem zu gefallen. Natürlich freue ich mich, wenn man mich mag. Aber wenn nicht, ist das auch in Ordnung.

Hast du deinen Platz in der Gesellschaft gefunden? Hast du Ziele, die dich antreiben?
Aber sowas von. Im Prinzip hatte ich den schon immer, habe es nur selbst nicht gemerkt, weil ich so an mir gezweifelt habe und zwischendurch auch echt selbstmitleidig war. Doch ich habe eine tolle Familie und liebe Freunde. Ich bin wahnsinnig dankbar für all die schönen Momente, die ich schon erleben durfte und darf. Ziele? Vor allem glücklich und zufrieden zu sein, ohne andere dabei daran zu hindern, es ebenfalls zu sein. Deshalb befasse ich mich immer mehr damit, wie ich dazu beitragen kann, dass es für andere besser wird, die es nicht so gut hatten wie ich. Ganz persönlich wäre es außerdem mein Traum, wirklich irgendwann von meinen (Kinder-)Büchern zu leben.

Was oder wer gibt dir das Gefühl, ganz du selbst zu sein und warum?
Im Grunde kann das Gefühl nur aus mir selbst kommen. Denn ich habe ja jahrelang erlebt, wie es ist, ein liebes Umfeld zu haben, aber sich selbst zu boykottieren. Aber es gibt ein paar Dinge, die mir dabei helfen. Zum Beispiel in der Natur zu sein, ohne Einflüsse von außen wie mein Handy. Auch mein Verlobter schafft es immer mich zu erden.

Was sind deine Pläne für die Zukunft? Was möchtest du unbedingt noch mal machen?
Ich plane fleißig an den nächsten Büchern und möchte da noch einiges verwirklichen. Mein Traum wäre, wenn irgendwann ein Kinderbuch von mir bei einem Verlag erscheint. Für ein anderes Buch, das 2021 erscheint, konnte ich schon einen Verlag finden, darüber darf ich leider noch nichts sagen. Außerdem möchte ich gerne mehr Illustrationen zu weiteren wichtigen Themen machen, die unsere Gesellschaft beeinflussen. Vor der Corona Entwicklung war ich außerdem in der Planung für Workshops in Schulen zum Thema Vielfalt und Inklusion. Meist sprudele ich vor Ideen über, aber die Zeit reicht nicht. Mal sehen, was da noch alles in meinem Leben passiert. Ich sehe einfach vieles als Chance und bin super dankbar für alles, was ich erlebt habe.

Vielen Dank für deine Worte, liebe Ilka. Es war uns ein inneres Blumenpflücken. Wenn ihr mehr über Ilka erfahren möchtet, ihr findet sie hier: www.ilka-bruehl.de

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