Aufregendes Bier, statt langweiligem Prosecco

Bier auf Wein, das lass sein. Wein auf Bier, das rate ich dir. Oder so ähnlich. Sünje sieht das anders, denn: Bier ist ihr Leben. Ganz sprichwörtlich, denn Sünje hat sogar ein Buch über das beliebte Hopfengetränk geschrieben. Aber lest selbst:

Sünje. Das klingt erstmal außergewöhnlich. Wo kommt der Name denn her?Der Name ist friesisch – genau genommen nordfriesisch. Dort bin ich an der Küste in der grauen Stadt am Meer, also Husum, geboren und auf der Geest in einem kleinen Dorf aufgewachsen. Ganz im Kontrast zur grauen Stadt bedeutet mein Name übrigens „kleine Sonne“. Hier in Hamburg ist der Name selten, er wird häufig skandinavisch eingeordnet. Das passt allerdings auch gut zu mir, ich bin nämlich nicht nur Einachtel-Dänin, ich habe auch zwei Jahre in Schweden gelebt und bin studierte Skandinavistin.

Wir haben herausgefunden, dass du schon mal beim schwedischen Königshaus zum Kaffee warst. Was hat es denn damit auf sich?
Oh, lange Geschichte und vielleicht auch nicht ganz so spektakulär und glamourös, wie es klingt: Ich habe eine Freundin, die für ein großes Magazin geschrieben hat, auf die schwedische Insel Öland begleitet. Mein Job war damals, mit meinen Schwedisch-Kenntnissen den Kontakt zu den Protagonisten der Reportage aufzubauen und auch zu dolmetschen. Das hat auch alles gut geklappt, unter anderem saßen wir lange bei der Bürgermeisterin, die irgendwann fragte, ob wir vielleicht Lust hätten, sie am nächsten Tag zu einem Empfang auf der Sommerresidenz des schwedischen Königs zu begleiten. Zu diesem sommerlichen Nachmittagskränzchen waren 100 Insulaner eingeladen. Wir haben natürlich nicht Nein gesagt und standen am nächsten am Schlosstor, wo wir kurz die Hände des Königspaars schütteln durften. Königin Silvia hat sich ein paar Minuten zu uns gesellt. Es gab Kaffee und Kuchen im Garten und der Hund der Königsfamilie wuselte ständig um die Beine aller Gäste herum.

Klischeehaft für Frauenzeitschriften schreiben. Damit hast du angefangen. Wie kam es dazu?
Es war nie mein Ziel, irgendwas mit Medien zu machen, aber ich bin direkt nach dem Studium bei einer Agentur gelandet, die den Webauftritt einer großen Münchner Frauenzeitschrift betreut hat. So fing alles an, erst als studentische Aushilfe, dann plötzlich irgendwann Redakteurin. Das zog sich sehr viele Jahre bei vielen verschiedenen Verlagen so durch mein Jobleben. Eine schöne Zeit – aber nun dürfen auch neue Themen auf meinem Tisch landen.

„Mir hat Bier schon immer besser als Prosecco oder ein Longdrink geschmeckt.“

Erst das Schreiben, dann das Bier. Oder war es andersherum?
Gute Frage! Es war aber wohl tatsächlich das Schreiben, das erst da war. Auch wenn ich definitiv eine längere Zeit Biertrinkerin als Schreiberin bin. Mir hat Bier schon immer besser als Prosecco oder ein Longdrink geschmeckt. Mich mit dem Thema richtig auseinanderzusetzen, das war allerdings nie mein Ziel. Ein herbes Pils aus der Flasche, gut gekühlt – das war’s! Erst als die Biervielfalt immer größere Kreise zog und ich dann doch mal so ein Pale Ale und später ein belgisches Bier probiert habe, wurde mir klar, wie faszinierend (und schmackhaft) das Thema ist.

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Bier-Guide zu schreiben?
Ich habe damals versucht, Anfängerlektüre zu finden für Leute, die sich mit dem Thema Craft Beer auseinandersetzen wollen. Ich fand allerdings nur Bücher, die für Fortgeschrittene geschrieben waren und eine Menge Wissen vorausgesetzt haben. Also habe ich beschlossen: Dann schreibe ich das eben selbst. Ich war (und bin auch heute noch) der Meinung, dass sich vieles viel besser erklären lässt, wenn man selbst noch einen geringen Wissenstand hat und sich auf die Reise begibt, um alles in Erfahrung zu bringen: von der Biergeschichte über die vielen verschiedenen Bierstile bis hin zum Beer-Food-Pairing. Und für diese Wissensreise habe ich mir verschiedene Experten gekrallt, die mir alles erklärten und später auch gegenlesen durften.

Wie viel Bier hast du denn probiert, bis du die besten Sorten gefunden hattest?
Oh, ich sehe mich da heute noch am Anfang, möchte zum Beispiel unbedingt noch Belgien bereisen, dessen Biere und Bierkultur als immaterielles Weltkulturerbe aufgenommen wurden. Und auch die USA reizen mich! Dort nahm die neue Bierkultur übrigens 1978, als das Heimbrau-Verbot durch Jimmy Carter aufgehoben wurde, ihren Lauf. Es entstanden kleine Craft Brewerys und somit irgendwann der Begriff Craft Beer. Hier sehe ich immer noch sehr viel Erklärungsbedarf – gerade in Deutschland. Craft Beer steht nicht für fancy Etiketten, einen bärtigen Brauer und Mango-Juice im Bier. Nein! Stattdessen handelt es sich eher um die Rettung und Weiterentwicklung der Biervielfalt, die wir vor langer Zeit hatten. IPA, Pale Ale, Porter – das sind alles Bierstile, die fast in Vergessenheit geraten wären, da Bier zum Industrieprodukt wurde und überall nur noch gleich schmeckte. Heute setzen zum Glück viele Brauer auf die verschiedenen Bierstile, experimentieren mit den klassischen Rohstoffen und vielleicht auch mal mit Früchten, Gewürzen, etc. Aber das fruchtige Aroma im IPA – das ist der Hopfensorte geschuldet, und die schokoladige Kaffeenote im Porter kommt vom Röstmalz.

Wirst du als blonde Frau manchmal komisch angeschaut, wenn du wie selbstverständlich ein Bier bestellst und nicht wie viele Frauen einen Weißwein?
In der Regel ernte ich keine komischen Blicke, aber das kommt selbstverständlich auf die Location drauf an. Wobei ich zugeben muss, dass ich heute oft darauf achte, in welche Bar ich gehe. Eine ordentliche Bierkarte ist schließlich fast ein Garant für einen gelungenen Abend. In Hamburg haben wir mittlerweile eine Vielzahl an guten Bars mit großer Bierauswahl, und dort ist es komplett selbstverständlich, dass Männer wie Frauen Biere wählen. Bier ist dann tatsächlich eher ein Getränk, das man genießt, und kein Durstlöscher.

„So stand ich da plötzlich und ich habe auch abfällige Kommentare kassiert.“

Hast du mit Vorurteilen zu kämpfen?
Als Bierbuch-Autorin passiert das, aber sehr selten. Gerade zu Beginn, als das Buch erschien, gab es bei dem ein oder anderen große Augen. Lag vielleicht aber auch daran, dass ich als kompletter Neuling im Bier-Thema mit dem Buch um die Ecke kam. Ohne Brauerin-Ausbildung, ohne Bier-Sommelière-Auszeichnung, ohne irgendeine nachweisbare bieraffine Vergangenheit. So stand ich da plötzlich und ich habe auch abfällige Kommentare kassiert. Aber mittlerweile kennen mich viele und schätzen meine Herangehensweise, sich unerschrocken einem komplexen Thema zu widmen, um es dann peu à peu aufzurollen, so dass jeder es versteht. Nur noch ganz selten stoße ich auf Vorurteile. Dazu muss man auch sagen, dass es viele tolle engagierte Frauen im Bier-Business gibt, die sich mit Leidenschaft als Sommelière, Journalistin oder Brauerin dem Thema widmen.

Eine Frage noch: Was macht denn deiner Meinung nach Bier zu einem weiblichen Thema?
Bier ist unglaublich vielseitig – die Zeiten, in denen es nur Pils mit ordentlich Bittere aus grünen Flaschen gab, sind vorbei. Stattdessen kann man sich, wenn sich drauf einlässt, auf eine faszinierende Entdeckungsreise begeben: Weltweit gibt es über 100 Bierstile. Die belgische Gueuze zum Beispiel ist feinperlig wie ein Champagner, ein Kriek wird mit Kirschen gebraut, ein New England IPA hat oft tropisch fruchtige Noten, ein Porter schmeckt nach dunkler Schokolade. Und so weiter und so fort. Es lassen sich über 2000 Aromen in Bier erschmecken und erriechen – das sind viel mehr als in Wein. Und diese Aromen zu erkennen, das fällt Frauen oft viel leichter als Männern.

Liebe Sünje, vielen Dank für das Interview. Prost!

Den ultimativen Bier-Guide von Sünje findet ihr auf den verschiedensten Plattformen, unter anderem hier: Thalia.de

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