Müllmode à la PinArt

Eher laut als leise, pompös und mit ganz viel Glamour. Wie sich Alice Francis seit Jahren durch die Musikgeschichte singt, für 2020 einen PinArt Kalender mit Vintageoutfits aus Müll präsentiert und die Welt dadurch ein kleines Stück grüner und gleichzeitig bunter macht.

Neben Alben, Shows, und Gesang bist du auch ganz anders aktiv, ziehst Kleidung aus Müll an und lässt dich darin fotografieren. Wie kam es dazu? Und wieso so sexy?
Nachdem unser Album 2012 erschienen ist und sehr erfolgreich war, sind wir auf Welt Tournee gegangen. Goldie und ich nutzten oft die freien Tage, um die Gegend und die Natur zu erkunden. Dabei ist uns von Jahr zu Jahr aufgefallen, dass Flüsse, Meere oder auch Wälder und Landschaften immer mehr vermüllt waren. Vor allem mit Plastikmüll. Goldie schlug vor, dieses Problem in einem unserer Musik Videos zu thematisieren. Er wollte die Kulisse aus Müll basteln und ich sollte die Kleidung aus Müll kreieren und diese auch tragen. Nachdem ich zunächst skeptisch war, freundete ich mich mit dieser Idee an und wir sammelten Müll aus dem Rhein und schossen das Video. 2017 brachten wir es heraus und bekamen viel Zuspruch. Das machte Mut und ich beschloss, das Thema nochmal enger mit meiner Leidenschaft für Vintage zu verknüpfen und Frauen der Historie darzustellen; in ihren legendären Posen und Outfits aus Müll gemacht. Nicht zuletzt, um auch meine Fans besser mit der Botschaft erreichen zu können. Ich wollte etwas Schönes kreieren, das Raum zum Nachdenken bietet, aber auch herausfordert. Pin-Up ist von Natur her sexy und leicht bekleidet. Das mit Müll und einem Umweltthema zu verbinden, nimmt die Hemmung und die Exklusivität des Themas. Man muss nicht Aktivist, Parteimitglied oder Uniprof sein, um sich mit dem Thema zu befassen. Die Idee zum Kalender hatte die Vintage Fotografin Sarah Tröster.

Jetzt konkret #zerowastepinart: was verbirgt sich hinter Müllmode? Ist das nicht eigentlich auch ein wenig ekelig, sich Müll von der Straße anzuziehen?Es war überaus eklig, ja. Mein ganzer Garten war vermüllt, als wir das Musik Video vorbereitet haben. Der stank auch. Aber es geht nicht um Müllmode oder Recyceln und ich bin auch keine Designerin, die jetzt eine Müllkollektion herausbringt. Die Figuren sind das Kunstwerk an sich. Es sind starke Frauen der Historie, die für etwas stehen. Sie haben oft ihr Leben für ihre Überzeugung riskiert oder gar gelassen. Wie bspw. Josephine Baker, die als Spionin arbeitete, so auch Mata Hari, die letztendlich hingerichtet wurde. Auch Marie Antoinette ist der Guillotine zum Opfer gefallen. Marlene Dietrich hat ihre Heimat wegen den Nationalsozialisten verlassen. Diesen Figuren gebe ich in meinen Kunstwerken eine neue, dringliche Aussage. Sie werden zum Leben erweckt, um die Menschen auf das Problem aufmerksam zu machen.

Deine Leidenschaften: Vintage, Retro, Musik und Kleidung aus Müll. Das ist ganz schön viel. Was ist dein Ausgleich?
Würde ich 8 Stunden täglich in einer Bank arbeiten, bräuchte ich dringend einen Ausgleich. Meine Tätigkeiten sind vielseitig, bereichernd und erfordern  immer neue Aktivitäten. Gerade war ich mit dem Unterwasser Fotografen Sebastian Lange für das zerowaste PinArt Projekt in Ägypten und habe Free Diving für die Fotos gemacht. War etwas ganz Neues für mich und auch sehr spannend und herausfordernd, da ich mich nicht als gute Schwimmerin bezeichnen würde. Diese Art von Herausforderungen nehme ich gerne an. Meine Aktivitäten sind der Ausgleich an sich.  

„Was man aus Müll macht, bleibt jedem selbst überlassen.“

Lehnst du dich nicht etwas aus dem Fenster, wenn du mit Müllmode die Welt ein wenig „grüner“ machen möchtest?
Mit meinem #zerowaste PinArt Projekt möchte ich mich künstlerisch ausleben und dabei die Menschen zum Denken anregen. Was jeder daraus macht, bleibt ihm überlassen. Aber ich hoffe, einen kleinen Beitrag leisten zu können, eine Industrie von Konsum und Umweltverschmutzung zu ändern.

Sich öffentlich gegen den Konsum und die Verschwendung zu richten, ist mehr als löblich. Aber ist das auch für dich im Privatleben umsetzbar? Stößt du da nicht auch viel auf Kritik?
Ist für mich teilweise möglich. Gerade mit meinem Leben aus dem Koffer, kann ich nicht immer einen Unverpacktladen aufsuchen. Es gibt viel zu wenige davon. Viele Kioske verkaufen keine Glasflaschen, sondern nur Plastik. In Amerika habe ich 4* Hotels gesehen, die ihre Mahlzeiten auf Einweggeschirr mit Einwegbesteck (nochmal extra eingeschweißt) servieren. Das ist Wahnsinn. Aber ich versuche, was ich kann. Kein Take Away Essen, sondern vor Ort essen oder eine Schüssel mitbringen. Glasflasche im Haushalt statt Plastikflaschen. Lieber einmal hochwertige Gegenstände kaufen statt Plastik Imitate, die eine geringe Lebensdauer aufweisen. Generell lieber wiederverwendbare Sachen. Reparieren statt wegschmeißen.
Kritik habe ich bisher keine bekommen; im Gegenteil, die Menschen sind total begeistert und fühlen, dass man ihnen aus der Seele spricht. Das zeigt: jeder sieht es, jeder weiß es und jeder ist besorgt, aber der Einzelne an sich kann es meiner Meinung nach nicht alleine ändern, die Industrie und Wirtschaft muss sich ändern.

Von einer verrauchten Jazzspelunke zu einem sexy PinArt Projekt. Das gibt es 2020 jetzt auch als Kalender zu kaufen. Der Kalender war ein richtiges Herzensprojekt von dir, oder?
In dem Kalender kann ich mich austoben, kreieren, eine Message rüberbringen. Ich habe sehr viel Herzblut reingesteckt, so auch Goldielocks und die Fotografin Sarah. Wir wurden viel von unseren Freunden unterstützt, die alle in dem Musik Video mitgewirkt haben wie bspw. die Choreographin Brigitte Breternitz, Tänzerin Elke Waibel oder Musiker Doc Dondo. Andere haben beim Layout des Kalenders geholfen; die Bodypainting Künstlerin Daniela Schatz aus München war mit Leib und Seele dabei wie auch die Designerin Katharina Kraft aus Halle. Die Königsdruckerei in Berlin hat uns ebenfalls sehr unterstützt. Es ist ein tolles Projekt geworden, was sehr viel Spaß bereitet und meine Sicht auf die Dinge verändert hat. Es hat mich sogar näher zu mir selbst gebracht. Dinge haben einen anderen Wert für mich erhalten und ich möchte mich weniger mit Konsum ablenken.

Außer Kunst und Musik: Woher bekommst du deine Inspiration? Hast du eine abgefahrene Sammelleidenschaft, gehst auf Flohmärkte oder googlest du einfach?
Ich liebe Flohmärkte, das ist Bummeln und Entdecken für mich. Ich habe nicht oft Zeit, aber wenn ich kann, mache ich das gerne. Auch Second Hand Kleiderschränke von Verwandten oder Omis von Freunden durchstöbere ich gern. Original 20er Jahre Kleidung ist oft schwer zu bekommen und auch empfindlich, daher greife ich auch auf Replika zurück oder nähe mir selbst etwas. Inspiration gibt es überall, vor allem wenn man viel reist.

Danke, liebe Alice, für deine ehrlichen und spannenden Antworten. Den PinArt Kalender des #zerowaste Projekts gibt es übrigens hier: https://www.alicefrancis.de/shop

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