Die Lady des Elektroswings

Eher laut als leise, pompös und mit ganz viel Glamour. Wie sich Alice Francis seit Jahren durch die Musikgeschichte singt, für 2020 einen PinArt Kalender mit Vintageoutfits aus Müll präsentiert und die Welt dadurch ein kleines Stück grüner und gleichzeitig bunter macht.

Künstlerin, Sängerin, Designerin, Model. Das ist aber ganz schön viel. Wer oder was verbirgt sich hinter dem Namen: Alice Francis?
Hi No Regrets, danke für die vielen spannenden Betitelungen. Alice Francis ist mein Name  und gleichzeitig auch der Name unserer Band, die aus Goldielocks, Chul-Min Yoo und mir besteht. Mit diesen beiden Herren toure ich weltweit und wir versuchen, den Glanz der 20er mit Hip Hop und Elektronik gemischt als Neoswing auf die Bühne zu bringen. Als Designerin und Model würde ich mich nur hobbymäßig bezeichnen. In meiner Freizeit mache ich zerowaste Kunst.

Was verbirgt sich hinter Miss Flapperty?
Flapper wurden die Frauen aus den 20er Jahren genannt, die nicht dem klassischen Frauenbild entsprachen. Sie waren wild, tanzten in Speakeasies, rauchten und trugen kurze Haare und manchmal auch Männeranzüge. Das sorgte für Provokation und brachte ihnen diesen nicht ganz ernst gemeinten Namen, der so viel heißt wie ‚Flattrigkeit’, ‚Unbeständigkeit’. Die Endsilbe bei Flapperty kommt von Liberty, Freiheit. Beides Dinge, mit denen ich mich identifizieren kann.

Angefangen hast du als Sängerin. Wie bist du auf Swing und Jazz gekommen?
2006 habe ich einen Produzenten namens Johann Niegl kennen gelernt. Er produzierte Beats, die viele Jazz und Swing Einflüsse hatten. Er verbaute auch Samples, die nach Vintage und 20er Jahre Charleston klangen; aber alles in einem modernen und hip hoppigen Gewand. Das gefiel mir sehr und meine Kreativität sprudelte. Ich sang automatisch Jazz und Swing Linien dazu. Nachdem ich es Goldielocks zeigte, war er total begeistert und wollte es ausprobieren. Das tat er und so entstand unser erstes Album, welches wir 2012 über Universal Germany herausbrachten. Als Kind habe ich die Jazzplatten meines Vaters angehört und ich war verliebt in Schwarz-Weiß-Filme; daher kam sicher viel Einfluss.

„Vintage und 20er, aber alles in einem modernen und hip hoppigen Gewand.“

Wir wissen, dass du in Rumänien geboren bist und deine ersten paar Lebensjahre auch dort verbracht hast. Wie hat dich deine Herkunft geprägt?
Meine Großeltern hatten Pferde, Schweine, eine Kuh, Hühner usw., es gab kein fließend Wasser und nur ein Plumpsklo. Dort bin ich geboren und aufgewachsen, bis ich 5 Jahre alt war. Gewaschen wurde sich im Fluss. Wir haben alle unter einem Dach gelebt. Großeltern, meine Onkels und Tanten, mein Cousin und die Tiere im Hof. Das Leben in Deutschland war plötzlich luxuriös, shiny, unabhängig und es gab alles. Auch jetzt, seit wir touren, residieren wir in den schönsten und komfortabelsten Hotels, werden in tolle Restaurants eingeladen und haben alles, was wir brauchen und noch mehr. Trotzdem freue ich mich sehr wenn ich Zeit auf dem Bauernhof meiner Mutter in Rumänien verbringen kann, ganz simpel mit viel Natur, Matsch, eigener Herstellung und Tier-Gewusel Drumherum.

War es damals schon dein Traum, Sängerin zu werden und Vintagekleider zu tragen?
Als Kind wollte ich immer Opernsängerin werden. Meine Vintageleidenschaft hat sich im Laufe der Zeit entwickelt. Ich habe das von meiner Mutter übernommen. Sie hatte schon immer eine Leidenschaft für Vintage und Antiquitäten, die sie über Jahrzehnte gesammelt hat. Das hat mich fasziniert. Ich habe dann begonnen, alte Radios und alte Kimonos zu sammeln und mich auch für Mode, Stile und Kunst aus früheren Zeiten zu interessieren. Das alles habe ich dann mit modernen Elementen kombiniert. So machen wir es auch mit der Musik.

Was genießt du an den 20er Jahren so besonders?
Die 20er haben den wirtschaftlichen Aufschwung gebracht, die Emanzipation der Frau gestärkt, es ist viel in der Kunst passiert und das neue Medium Film hat sich bspw. etabliert. Das alles wirkte sich meines Erachtens auf Musik und Stil aus. Die Musik schien wild und sehr aufwendig geschaffen. Tolle Arrangements, musikalisch anspruchsvoll; viel Orchester, viel Live Musik. Die Musik brachte verrückte Swingtänze mit sich. Das alles ist sehr befreiend für mich; loslassen können. Viele Umgangsformen gefallen mir an den 20ern, die Mode und die Architektur und das Artdeco. Ich mag die Eleganz, die Klasse und den Effort.  

Ist das 100-jährige Jubiläum dieser Goldenen Zeit etwas Besonderes für dich?
Abgesehen davon, dass ich eine große Party auf unserem Schloss in Rumänien schmeißen wollte an Silvester, um die neuen 20er zu feiern, stimmt mich dieses Datum auch nachdenklich. In 100 Jahren hat der Mensch seine Umwelt drastisch verändert. Der Wirtschaftsaufschwung ist zu einem Wirtschaftsdesaster geworden. Konsumwirtschaft regiert die Welt und zerstört unsere Umwelt.

Fortsetzung folgt…

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