Vintage Style – Not Vintage Values

Geschmackvoll, was Foodbloggerin Caro von Frau Herzblut da trägt. Aber sieht so kompromissloser Genuss aus? Der Stil atmet doch eher die muffige Luft biederer Rollenklischees, oder? Weit gefehlt. „Vintage Style not Vintage Values“, kontert Caro und bringt den Mut zur zeitlosen Eleganz gegen die langweilige Massenuniformierung unserer Tage in Stellung. Na, Herzblut geleckt? Steht alles im Interview. Hollywoodschinken und Veilchentorte, Swing und Jazz kommen auch vor – gehört wird aber nur von Vinyl, damit das mal klar ist.

Sollen wir dich Frau Herzblut nennen oder gefällt dir Carolin, wie du mit bürgerlichem Namen heißt, dann doch besser?

Ganz klar Carolin. Denn neben meinen Blog „Frau Herzblut“ tue ich ja noch ganz viele andere Dinge – u.a. bin ich gelernte Fotografin, studierte Designerin und Foodstylistin.

Du bist professionelle Fotografin und kommst aus der klassischen Werbung. Wie wurde aus der Businessfrau Carolin Strothe der Genusssmensch Frau Herzblut?

Businessfrau und Genussmensch schließen sich auf keinen Fall aus  – klassische Werbung trifft es nicht unbedingt. Bei mir war es eher eine Mischung aus Editorial Design, Publishing, Corporate Design und Marketing.
Die Liebe zu gutem Essen, Kochen und Backen wurde mir bereits in die Wiege gelegt. Denn ich bin in den Gärten meiner Eltern und Großeltern aufgewachsen. So habe ich schon ganz früh gelernt, wie eine von der der Sonne gereifte, frisch geerntete Erdbeere oder Tomate schmecken. Meine Großmutter hat mir das Kochen früh beigebracht. Über die Jahre sind dann immer mehr Ideen und Rezepte entstanden, die ich seit 6 Jahren u.a. auf meinem Blog teile.

Essen und Genuss waren schon immer ein besonders enges und glückliches Paar – das heute aber gleichzeitig seine naive Unschuld verloren hat. Wie wir uns ernähren, ist rechtfertigungsbedürftig geworden. Sind die Genusszeiten vielleicht schon bald vorbei?

Es gibt heute wesentlich mehr Menschen als noch vor 40 oder 50 Jahren, die sich viel mehr Gedanken über ihre eigene Ernährung machen. Vielleicht machen sich einige auch etwas zu sehr verrückt oder schieben sämtliche Malessen auf eine ungünstige Ernährung. Genauso gut gibt es sicher Menschen, die einfach gern dem guten Essen fröhnen. Ernährung hat Einfluss auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Daran besteht heute aus wissenschaftlicher Sicht kein Zweifel mehr. Dass sich Genuss und gesünderes Essen nicht ausschließen, zeige ich zusammen mit meinem Mann in unserem Backbuch „Einfach natürlich backen“.

„Wie schon Paracelsus sagte, macht bekanntlich die Dosis das Gift.“

Vor allem deine Süßspeisen von Torten bis Eiscreme lassen uns das Wasser im Mund zusammenlaufen, sind aber eindeutig nichts für die Diätküche. Wie schafft Frau es, diese köstlichen Kunstwerke guten Gewissens zu genießen?

Wie schon Paracelsus sagte, macht bekanntlich die Dosis das Gift. Unter der Woche greife ich am liebsten zu gesunden Snacks wie Gemüse, Obst und Nüssen. Kuchen und Torten sind vor allem etwas zum Genießen und Teilen mit Familie und Freunden für das Wochenende. Dazu kommt, dass ich schon sehr lange für meine Rezepte keinen weißen Industriezucker verwende und alternative Süßungsmittel wie Vollrohrzucker mit Bedacht einsetze. Außerdem liebe ich es, mit alten Getreidesorten wie Dinkel, Emmer oder Einkorn (alle drei sind übrigens Weizenarten) sowie saisonalem Obst zu backen. Damit sind meine süßen Rezepte vollwertiger und nicht so süß wie konventionelle Kuchen oder Torten.

Essen und Kochen sind deine Leidenschaften. Aber da ist ja noch mehr… Wie würdest du deinen Stil beschreiben?

Am ehesten als eine Mischung aus 1930er und 1940er. Sicher auch etwas 1950er. Besonders dogmatisch bin ich damit nicht. Insgesamt inspiriert mich die gesamte Swingära, da ich Lindy Hop tanze, Swingmusik liebe und gern alte „Hollywoodschinken“ schaue.

Die Zeit, für deren Stil und Mode du dich begeisterst, steht für eine klare, ultrakonservative Rollenaufteilung zwischen Mann und Frau. Was bringt eine moderne, selbstbewusste und erfolgreiche Frau dazu, sich ausgerechnet diesen Stil zum Vorbild zu nehmen?

Vintage Style, not Vintage Values. Bereits ab den 1920ern gab es jede Menge selbstbewusste Frauen, die einen liberalen, gleichberechtigen Lebenstil und Haltung vertraten. Ein gutes Beispiel dafür ist sicher Katherine Hepburn. Ihre hoch geschnittenen und weiten Hosen waren irgendwie auch Ausdruck für eine selbstbewusste und mit Männern gleichgesetzte Person. Das sieht man auch gut an den weiblichen Figuren in einigen Hollywoodfilmen dieser Zeit. Zudem habe ich das Gefühl, dass diese konservative Rollenaufteilung auch nur in den 1950ern noch einmal eine kleine Renaissance erlebte. Genau dieses Bild haben vielleicht einige Menschen im Kopf, wenn sie an Vintage denken.
Ich liebe am Vintagestil vor allem die zeitlose Eleganz. Diese vermisse ich in Zeiten der Massenuniformierung und des Verschwindens von Subkulturen.

„Vintage Style, not Vintage Values.“

Hast du wirklich gar keine Angst, ein reaktionäres Frauenbild zu bedienen und vielleicht auch Zuspruch von der falschen Seite zu erhalten?   

Nicht wirklich. Viele Konservative finden das sogar komisch (siehe die britische Chap-Bewegung – die Nachfolger der Dandys). Wer sich einmal Milieustudien wie Sinus oder Sigma ansieht, wird schnell erkennen, dass Vintageelemente von liberalen und experimentierfreudigen Gruppen geschätzt werden. Diese setzen Vintagestyle und Retromode in neue Kontexte.

Gibt es eigentlich auch Leute, die generell ein Problem damit haben, wie du dich kleidest bzw. dass du ganz offen deinen Retro-Stil pflegst? Oder kommst du nie wirklich in die Verlegenheit, dich entschuldigen oder zumindest dafür rechtfertigen zu müssen?

Ganz im Gegenteil. Relativ häufig werde ich auf der Straße von wildfremden Menschen angesprochen, die meinen Stil sehr mögen und gut finden. Viele davon geben manchmal zu, dass sie sich auch gern individueller stylen würden und es sich jedoch nicht trauen. Manchmal ist es etwas ulkig, wenn mich Menschen den 1960ern oder 1970ern zuordnen. Da heißt es dann: „Hey, du machst doch einen auf 1960er. Cool!“ …

Brauchst du als Foodbloggerin heute auch in Mode- und Lifestylefragen einen eigenen Stil, um dich bei der starken Konkurrenz durchsetzen zu können? Überspitzt gefragt: Sollten die Rezepte nicht vielmehr für sich sprechen?

Nicht zwingend. Dennoch kann es hilfreich sein, mit einem individuellen Stil ganz bestimmte Assoziationen und Bilder in den Köpfen der Menschen aufzubauen oder ein bestimmtes Narrativ damit zu bedienen. Am Ende funktioniert ein „Influencer“ ja auch als Marke, die für eine ganz eigene Bedeutungswelt steht.

Haben wir noch etwas Wichtiges vergessen, das wir dich unbedingt hätten fragen sollen?

Vielleicht, ob ich den ganzen Tag nur Swing und Jazz höre. In der Tat hören wir Zuhause bis auf ein wenig Radio (der Nachrichten halber) viel Swingmusik: natürlich stilgerecht von Platte.

Danke dir für das erfrischend ehrliche Gespräch.

www.frauherzblut.de

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