Keine Filter. Schönheit hat Ecken und Kanten.

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Toyah Diebel hat viele Follower. Aber nicht weil sie so gute Schminktipps gibt, oder in dutzendfach kopierter Pose am Strand Selfies macht. Sie will keine Influencerin sein – und ist deswegen vielleicht genau das. Bei uns erfahrt ihr, wie sie das macht.

Wir haben lange überlegt, wie wir dich in der Einleitung ankündigen: Influencerin, Buchautorin, Satirikerin? So richtig glücklich fühlten wir uns aber mit keiner Alternative. Vielleicht stellst du dich selbst einmal vor. Du weißt vermutlich am besten, wer du bist und wofür du stehst.

Die Frage nach dem “Was bist du eigentlich?” wurde mir bisher schon so oft gestellt, dass ich eigentlich langsam mal eine Antwort darauf haben müsste. Wahrscheinlich ist es aber einfach eine Mischung aus den von dir genannten Titeln – einfach alles sein wollen und trotzdem nix können… voll so Generation Y-mäßig, oder? Gut, bei dem Wort ‘Influencerin’ wird mir aber dann doch leicht übel. Lassen wir das weg.

Geht klar. Suchen wir Instagramfilter und Bilder vom letzten Coachella Festival deshalb vergeblich bei dir? Stattdessen zeigst du dich mit Augenringen und liest aus deinen alten Tagebüchern peinliche Anekdoten vor. Die naheliegende Frage lautet: Warum tust du das?

Einfach weil das Dinge sind, die ich selbst gerne bei anderen sehe. Ich mag Leute, die lustig sind, echt sind oder mehr von sich zeigen als ihre Lieblingsfilter. Ich hab auch das Gefühl, dass die meisten Leute gelangweilt davon sind, immer nur Schminke, Selfies und durchtrainierte Models an Infinity-Pools in ihren Feeds zu sehen. Irgendwann will man doch auch mal richtigen Content, will unterhalten oder informiert werden.

„Nur gut auszusehen, reicht mir persönlich einfach nicht. Ich möchte dass Leute mir Anerkennung schenken für das was ich kann, weil es das ist was ich bin.“

Ist das nicht die pure Verweigerung am Selbstgenuss, den die Socials doch so herrlich einfach machen?

Es wäre glatt gelogen, würde ich behaupten, dass ich nicht auch gerne schöne Bilder von mir sehe und die auch ab und zu mal poste. Wenn man dann auch noch Likes dafür bekommt, übergibt sich der hauseigene Endorphin-Haushalt schwallartig und das kann schnell süchtig machen. Gerade deshalb sollten wir uns aber die Frage stellen, warum es uns oft reicht, nur für das eigene Aussehen beklatscht zu werden, vor allem wenn noch Face-Tune und Co. mit im Spiel sind. Nur gut auszusehen, reicht mir persönlich einfach nicht. Ich möchte dass Leute mir Anerkennung schenken für das was ich kann, weil es das ist was ich bin.

Wird dir eigentlich oft vorgehalten, dass du anderen den Spaß verleidest, indem du dich über den Mainstream lustig machst?

Wenn ich sehe, mit welcher Ernsthaftigkeit mir zum Beispiel eine Bloggerin erklären will, warum der Haferschleim von Marke XY WIRKLICH DER ALLERBESTE IST, muss ich eben lachen. Dazu kommt, dass jeder, der ein öffentliches Profil hat – und damit auch ganz eindeutig in der Öffentlichkeit stehen möchte – damit klarkommen muss, dass nicht nur Herzchen-Smileys kommentiert werden. So ist das eben in den sozialen Medien: Nichts bleibt ohne Wirkung. Alles, was man macht, hat Konsequenzen.

Und wie gehst du generell mit Kritik, aber auch mit Spott und Häme um?

Kritik findet wahrscheinlich niemand angenehm, weil man sich dann eventuell eingestehen muss, etwas falsch gemacht zu haben. Sofern diese Kritik aber konstruktiv ist, finde ich es wahnsinnig wichtig, dass sie auch geäußert wird. Missstände ändern sich sicherlich nicht dadurch, dass alle die Klappe halten. Auf mich bezogen kann ich sagen, dass ich mir auch schon den einen oder anderen Fauxpas geleistet habe, aus dem ich aber auch nur deshalb lernen konnte, WEIL es Kritik gab.

Bei Spott und Häme verhält sich das ein wenig anders. Vor allem dann, wenn sie nur angewendet werden, um eine Person vorzuführen oder willentlich zu verletzen. Beleidigungen und Hass sind ein großes Problem in den sozialen Medien, das wir nur ausmerzen können, wenn wir a) nicht selbst zum Täter werden und b) die Opfer verteidigen.

Du bist auch Autorin. Dein Debut trägt den Titel “Weiber“ und den kaum weniger provokanten Untertitel “Von Dinkelmüttern, Powerfrauen und anderen Emanzen“. Warum so angriffslustig gegen das eigene Geschlecht?

Das Buch erscheint am 14. Oktober und ich hoffe, dass ich keinen Schrott geschrieben habe. Gute Werbung, oder? Wahrscheinlich war aber genau das auch die Angst all derer, die schon mal ein Buch geschrieben haben: direkt mit dem Debut zu versagen. Aber egal, dann schreib ich halt noch eins. “Weiber“ enthält viele Kurzgeschichten über Frauen, in denen sich sicherlich auch der eine oder andere Mann (!) wiedererkennen wird. Es ist ein Buch geworden, das sich selbst nicht zu ernst nimmt und im günstigsten Fall noch einige Denkanstöße liefert. Mal sehen, was kommt. Ich lasse mich überraschen. Der Untertitel ist entstanden, als ich darüber nachgedacht habe, über was für Frauen ich eigentlich schreiben will, und dabei direkt auf die üblichen Stereotype hereingefallen bin. Wenn eine Frau Power hat, scheint das etwas so Besonderes zu sein, dass man extra ein eigenes Wort dafür erfinden muss. Bei Männern wird die Power vorausgesetzt, deswegen gibt es auch keinen Powermann.

Hast du eigentlich einen Plan B in der Tasche, falls die digitale Öffentlichkeit mal das Interesse an deiner Person verliert? Denn letztlich geht es doch bei dem, was du tust, zentral um deine Person.

Ha, die Achillessehne jeder Person, die in der Öffentlichkeit steht! Und machen wir uns nichts vor: nur weil es gerade gut für mich läuft, heißt das nicht, dass das in drei Monaten auch noch so sein wird. Wir leben in einer enorm schnelllebigen Zeit, in der die Aufmerksamkeit ebenso fix wieder verschwindet, wie sie gekommen ist. Eben bekommt man noch mächtig viel davon, schon steht man wieder im Schatten. Tja, es spricht also viel dafür, dass ich mir langsam mal Gedanken machen sollte, was passiert, wenn Instagram abfackelt. Immerhin habe ich jetzt schon einmal ein Buch geschrieben. Als nächstes wandere ich dann vielleicht mit einem Kamera-Team nach Mallorca aus oder sitze in irgendeiner Jury. Oder ich höre einfach auf meine Oma. Die hat mich vor zwei Wochen angerufen und gesagt: “Du, Toyah, ich weiß nicht, was du da machst, aber vielleicht studierst du besser noch mal.”

Ganz offensichtlich gehörst du zu den Frauen, die sich nicht permanent dafür entschuldigen, dass sie ihr Leben leben, wie es ihnen gefällt. War das bei dir schon immer so oder gab es auch andere Zeiten?

Mir wurde mehr als einmal gesagt, dass ich mich weiblicher verhalten solle, wenn ich in der Öffentlichkeit erfolgreich sein will. Soll heißen, ich bin zu laut, zu vulgär, zu, zu, zu… Im Klartext: Für ´ne Lustige nicht dick genug, für ´ne Hübsche nicht hübsch genug. Von der Produktionsfirma, die mir geraten hat, fünf Kilo abzunehmen, bis zu “Eine Dunkelhaarige haben wir leider schon” war eigentlich alles dabei. Klar ist es irgendwie frustrierend, all diesen Forderungen nicht gerecht werden zu können. Abhilfe schafft aber eine gute Prise Größenwahn. Zum Glück hatte ich genug davon, um einfach weiter zu machen.

Ganz ehrlich: Bist du so etwas wie ein Erfolgsmodell? Also meinst du, jede Frau hat das Zeug, sich so mutig gegen geltende Konventionen zu stellen und dabei auch noch anderen den Spiegel vorzuhalten?

Mir selbst hat es definitiv an Leitbildern gefehlt, die mir hätten vorleben können, dass es völlig in Ordnung ist, so zu sein, wie man eben ist. Wenn ich heute sehe, dass etwa junge Mädchen völlig unrealistischen Schönheitsidealen hinterhereifern, die das Ergebnis von Photoshop oder diversen Operationen sind, dann fühle ich mich irgendwie verpflichtet, dagegen zu halten. Dass mein Kanal dann so viel Anklang findet, zeigt ja nur, dass viele das offenbar genauso sehen – und das ist toll.

Gibt es noch irgendetwas, das du schon immer mal loswerden wolltest? Dann ist hier und jetzt die Gelegenheit dazu…

Weiber an die Macht.

Dank dir für das erfrischend ehrliche Gespräch.

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