Wortgewaltig, aber friedlich

Kein Platz für Konventionen.

Sie geht mit ihren Worten auf die Bühne, um Menschen etwas mitzuteilen, um zu bewegen und zum Nachdenken anzuregen. Und sie unterstützt andere Menschen dabei, sich mit der eigenen Stimme Gehör zu verschaffen. Spoken-Word-Künstlerin, Rapperin und Powerfrau Jessy James LaFleur über ein selbstbestimmtes Leben ohne Schubladen und Konventionen.

Jessy, als Spoken-Word-Künstlerin hast du tagtäglich mit Worten zu tun. Welche Bedeutung haben Worte in deinem Leben?

Worte sind mir superwichtig! Eigentlich hat alles damit angefangen, dass ich aus dem Dreiländereck komme – ich bin Ostbelgierin. Und von 11 Millionen Belgiern gibt es nur rund 78.000 Menschen, die Deutsch sprechen. Es gibt da also eine sprachliche Minderheit, und so wächst man in einem Land auf, in dem man gar nicht so richtig dazugehört. In der Schule hatte ich Französisch und Deutsch, später auch Englisch und Niederländisch, und war damit die ganze Zeit in einer Art Sprachenkampf, weil ich mich weder in Deutschland noch in Belgien zugehörig gefühlt habe. Das kann sehr auf die Stimme schlagen, sodass ich in meiner Kindheit und Jugend oft das Gefühl hatte, die „falsche“ Sprache zu sprechen.

Was hast du gemacht, um dich aus diesem Gefühl zu befreien?

Mit zwölf habe ich angefangen, auf Deutsch zu rappen, und gemerkt: Man hört mir zu. Sobald ich meine Worte künstlerisch verpacke, interessiert die Sprache plötzlich niemanden mehr. Leute finden das irgendwie gut, wenn man coole Reime macht, Metaphern oder gute Wortspiele kreiert. Ich hatte eine schwere Jugend, und Worte haben mich immer davon abgehalten, Mist zu bauen. Drogen genommen oder getrunken habe ich nie, auch dann nicht, als ich für kurze Zeit auf der Straße gelebt hatte. Mit 16 hatte ich außerdem die Schule abgebrochen und wusste nicht so richtig, wohin mit mir. Dass ich zu der Zeit in einer Art Wortkollektiv war und Menschen um mich hatte, die dasselbe machen wie ich, das war sehr, sehr viel wert. Und das war auch der Grundstein für die sozial engagierte Arbeit, die ich heute mache.

Wann kam denn für dich die Entscheidung, dich mit deinen Worten auf eine Bühne zu stellen?

Da war ich 13! Ich hab davor schon ganz viele ganz schreckliche Liebesgedichte über einen Jungen verfasst. Das war grauenhaft, er wollte nämlich nichts von mir (lacht). Mit 13 war ich dann mit einer Freundin auf der YOU-Messe in Essen, wo man sich für eine offene Bühne anmelden konnte. Das war mein erster großer Auftritt, da habe ich zum ersten Mal einen meiner Rap-Songs vorgetragen. Es war sehr krass zu sehen, dass die Leute klatschen für etwas, das ich auf der Bühne fabriziert habe. Ich war übrigens auch die einzige Frau mit Hip-Hop auf der Bühne, da hab ich mich damals schon sehr feministisch gefühlt.

Die ganze Szene ist vermutlich ziemlich männerdominiert, oder?

Ja, total. Das war sie immer und wird sie wohl auch immer sein. Ich hab dann aber einfach weitergemacht. Als ich 16 oder 17 war, wollte auch jemand was mit mir aufnehmen. Im Studio fragte er dann aber, ob ich Sachen nicht anders verpacken und eher über Pussys rappen könnte, der wollte mich in irgendeine Schublade packen. Also habe ich das gelassen und weiter mein eigenes Ding gemacht. Früher war es immer mein Traum, Rapperin zu werden. Ich war ein riesiger Fan von Pyranja, einer der ersten deutschen Rapperinnen. Sie war auch die erste Frau, die mich mit ihren Texten und ihrem Können richtig geflasht hat im Hip-Hop.

Warum bist du irgendwann vom Hip-Hop weggegangen und hast mit Spoken Word angefangen?

Als ich mit 18 nach Nizza gezogen bin, hat sich der Hip-Hop eher in die Gangsterschiene entwickelt, das war nicht mein Ding. Meine Idole waren eigentlich Samy Deluxe, Curse, Blumentopf oder Dendemann. Diese Wortspiele, diese Metaphern – das war krass. Der Einfluss hat mich auch bis heute bei meinen Slam-Texten nicht losgelassen. Ich hab mich dem Hip-Hop dann aber einfach nicht mehr zugehörig gefühlt und 2006 in Marseille Poetry-Slam entdeckt. Da gab es einen Künstler, Grand Corps Malade, der es mit einem Album mit Slam-Texten auf Platz eins der Charts geschafft hat. Das war wie Hip-Hop, nur a cappella. Und da wurde mir klar: Ich muss gar nicht die Rap-Schiene fahren. Je schöner und poetischer Worte sind, desto mehr Menschen kann man damit erreichen. Das hat mich so fasziniert, dass ich in Frankreich mit Slam angefangen habe.

Ist das eines deiner Ziele, warum du deine Texte auf die Bühne trägst?

Ich denke, dass wir im Poetry-Slam alle auf die Bühne gehen, um etwas mitzuteilen. Das war in all den über 30 Ländern so, in denen ich aufgetreten bin. Ich glaube aber auch, dass viele die Ursprünge des Spoken Word in der afroamerikanischen Bewegung gar nicht kennen. Die Menschen dort hatten so wenige Privilegien, wurden unterdrückt und nicht gehört und hatten keine Waffen außer ihrer eigenen Stimme.

Versuchst du, diese Geschichte mit deinen Texten weiterzutragen?

Für mich ist es enorm wichtig, mich immer und immer wieder mit diesen Wurzeln auseinanderzusetzen. Auch in meinen Projekten geht es darum, Menschen, die nicht gehört werden, hörbar zu machen – zum Beispiel mit meinem Projekt „Prison Slam“. Seit 2016 findet das in deutschen Hochsicherheitsgefängnissen statt, und ich gebe dort Workshops für die Insassen. Die wenigsten Menschen dort kennen Poetry-Slam, in den Workshops gebe ich ihnen also die Werkzeuge, um auszudrücken, was sie empfinden. Und plötzlich erlebt man, wie viel das mit den Menschen in den JVAs macht, weil sie merken, dass ihr Talent und das Konzept Poetry-Slam eine Alternative zu Kriminalität, Drogen und Gewalt sind.

Du gibst auch Workshops für Kids, oder?

Genau. 2015 habe ich das Projekt „Angeprangert!“ in Celle ins Leben gerufen, nachdem ich dort die erste U20-Landesmeisterschaft im Poetry-Slam für Niedersachsen und Bremen als zweitägiges Festival veranstaltet habe. Also für alle Poet*innen, die das Alter von 20 Jahren noch nicht erreicht haben. Damals gab es nur einen einzigen Slammer aus Celle, und heute stehen über 20 Celler Jugendliche regelmäßig mit ihren Texten auf meiner Bühne, das ist einfach geil. Inzwischen findet „Angeprangert!“ deutschland- und sogar europaweit statt. Wir machen jetzt auch eine Zusammenarbeit mit „Fridays for Future“, außerdem arbeite ich ganz viel an Hauptschulen und Gesamtschulen, aber auch mit Geflüchteten und Aussteigern aus der rechtsradikalen Szene. Ich gehe gern in die Ecken, in denen es wehtut. Denn wenn man den Jugendlichen dort das Gefühl gibt, gehört zu werden, dann hält sie das oft davon ab, Mist zu bauen.

In deinem One-Woman-Business hast du ständig Arbeit um dich rum. Kommst du überhaupt dazu, dein Leben auch zu genießen?

Stimmt, das ist eindeutig ein One-Woman-Business. Ich arbeite auch viel mit Vereinen und meiner Gemeinschaft in Celle, aber die Websites, die Plakate, die Pressetexte, das Booking – das mache ich alles selbst. Und abends baue ich das Büfett auf, stehe selbst auf der Bühne, baue das Büfett wieder ab … Diese Hülle und Fülle an Aufgaben macht es manchmal schon schwer, das Leben „zu genießen“. Aber meine Arbeit ist ganz einfach mein Leben. Klar kann das auch gefährlich werden, wenn man nicht merkt, wann es zu viel ist und dass man eine Pause braucht. Wenn ich mal einen Tag freihabe, denke ich trotzdem, ich müsste eigentlich irgendwas tun. Mein Leben zu genießen bedeutet für mich aber einfach, die Augenblicke meiner Arbeit auszuleben. Letzte Woche war ich zum Beispiel auf einem Literaturfestival in Brüssel. Da bin ich acht Stunden hingefahren für einen 30-minütigen Auftritt – aber die Zeit mit den Menschen dort, die ich viel zu selten sehe, die ist so kostbar. Und da würde ich eindeutig von Genuss sprechen. Ehrlich gesagt: Ich finde diesen Genuss so sehr in meiner Arbeit, dass ich gar nicht wirklich eine Freizeit zum Genießen brauche. Das mache ich einfach in meinem Job.

Betrachtest du deine Arbeit denn als deine Berufung?

Na ja, bei mir gibt es einfach nichts, auf das ich zurückfallen könnte. Ich habe ja keine Berufsausbildung und kann mich nicht einfach in die Uni einschreiben oder in meinen alten Job zurück. Meine Arbeit aufzugeben wäre also ein großer Schritt nach hinten. Und ja, ich sehe sie eindeutig als Berufung. Es ist dieses Gefühl, keine andere Wahl zu haben, aber auch gar keine andere Wahl zu wollen.

„Ich bin eine Frau,
aber ich will einfach keinen
Nachwuchs.“

Gab und gibt es denn in deinem Leben Sachen, für die du dich rechtfertigen musst?

Ach, die ganze Zeit! Ich musste mir so oft anhören, dass ich mein Leben versaut hätte. Die bewusste Entscheidung, die Schule abzubrechen, wird gerade in der deutschen Gesellschaft nicht akzeptiert. Dazu kommt, dass ich mit 28 entschieden habe, keine Kinder zu wollen und mich sterilisieren zu lassen. Und zwar ganz bewusst. Ich bin eine Frau, aber ich will einfach keinen Nachwuchs. Und wenn ich das erzähle, dann kommen Fragen wie: „Aber du bist doch eine Frau, wie kannst du so was tun?“ Es gibt so viele von der Gesellschaft auferlegte Dinge, und wenn man die nicht macht, dann muss man sich ständig rechtfertigen.

Wie gehst du mit diesen Situationen um?

Ich suche immer das Gespräch und frage nach, warum die Leute das so sehen. Und bei vielen merkt man einen inneren Frust, weil sie vielleicht selbst etwas anders machen wollten, sich aber nicht getraut haben, den Schritt dafür zu gehen. Aber du hast jeden Tag die Möglichkeit, eine Wahl für dich zu treffen. Und für die musst du dann eben Verantwortung übernehmen. Ich habe in 14 Ländern gelebt, bevor ich nach Deutschland gezogen bin. Und für meine Entscheidung, statt zu studieren meine Kunst zu machen, habe ich echt kämpfen müssen, das sehen viele nicht. Für viele Menschen ist meine Überzeugung schwer zu verstehen. Aber oft denke ich: Ich halte den Menschen auch einen Spiegel vor, in den sie gar nicht gucken möchten.

Weil du dein Leben vollkommen selbstbestimmt führst, ohne dich in Schubladen stecken zu lassen?

Ja, ganz genau. Ich sage immer: Mach was aus deiner Zeit! Und ich bin total erstaunt darüber, wie viele junge Leute sagen, das ginge in ihrem Alter nicht mehr. Mit 28! Ich kenne tolle Menschen, die mit 50 oder 60 Jahren ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt haben. Für mich gibt es in meinem Leben nur eine wichtige Regel: Jeden Abend, bevor ich die Augen schließe und einschlafe, möchte ich in der Lage sein, sagen zu können, dass ich bis hierhin alles getan habe, was ich in meinem Leben tun wollte. Ich möchte jeden Tag sicher sein, dass ich nichts bereuen oder vermissen würde, sollte ich am nächsten Morgen nicht mehr aufwachen.

Du bist also trotz der vielen Kritik genau den Weg gegangen, auf den du Bock hattest?

Auch, wenn es nicht immer eine bewusste Entscheidung war – ich habe aus jeder Situation das Beste für mich rausgeholt. Ich glaube, dass uns jede Erfahrung weiterhilft, die wir machen, egal ob negativ oder positiv. Wir vergessen so oft, dass Dinge, die uns Narben zugefügt haben, uns zu unglaublich starken Persönlichkeiten machen!

Verrätst du uns zum Schluss noch, was hinter deinem Namen steckt?

Ach das ist eine schöne Frage! Jessy ist mein Vorname, und mein Spitzname war schon immer Jessy James oder JJ. Irgendwann wollte ich dann ein Alter Ego zwischen Hip-Hop und Poesie, und das entstand durch den Text eines meiner größten Idole: Kurt Schwitters, der Dadaist. Auch meine Workshops basieren viel auf Dadaismus, dieser Sinnlosigkeit und Lautpoesie. Ich konnte eigentlich mit Liebesgedichten nie viel anfangen, aber „An Anna Blume“ von Kurt Schwitters, das war einfach BÄM! Und die französische Übersetzung heißt „Pour Eve La Fleur“, das wurde dann also mein Alter Ego. Irgendwann habe ich die beiden Künstlernamen aber zusammengelegt. Und Jessy James, das war dieser Cowboy, der historisch das erste krasse Großverbrechen geplant hat (lacht). Mein Name ist also total beladen mit Bedeutung, der verbindet dieses vorausschauende Visionäre mit einer gewissen Sinnlosigkeit.

Jessy, vielen Dank für das Gespräch.

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