Schamloser Selbstgenuss

Von einer, die (sich) auszog, das Leben zu genießen.

Sie hilft anderen Frauen dabei, falsche Hemmungen abzulegen und die eigene Weiblichkeit in vollen Zügen zu genießen – mit stolzen Stipteaseposen: Marie-Louise, genannt Liu Bohème, ist mit Leib und Seele Burlesque-Tänzerin und hat ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht.

Marie, du bist Burlesque-Tanzlehrerin. Seit wann begeisterst du dich für diese Szene? Gab es eine Initialzündung?

Ach, schon ewig. Meine Schwäche für den Burlesque-Tanz entwickelte sich schon früh. Mit 17 Jahren habe ich das erste Mal für eine Dragqueen-Gruppe die Choreografie entworfen. Damals ging es um das Thema Moulin Rouge, und ich war sofort Feuer und Flamme. Die Roaring Twenties – von der Mode über die Musik bis hin zum exzentrischen Kleidungsstil – haben mich schon immer fasziniert. Was mir am Burlesque-Tanz gleich besonders gefiel, ist das glamouröse Drumherum und die Toleranz untereinander. Egal, ob klein, groß, dick oder dünn, hier kann wirklich jede/-r seinen Charakter ausleben und sich individuell präsentieren. Es geht darum, sich zu entwickeln, zu spüren, zu entfalten. Jede Frau interpretiert ihre ganz eigene „Femme Burlesque“. Ich will Frauen vor allem dazu animieren, ihre Weiblichkeit zu zelebrieren. Bei den beherzten und oft schrägen Varietédarbietungen geht es zwar heiß her, blankgezogen wird dabei aber nicht. Du bist kein Lustobjekt, du machst es für dich selbst.

Gab es verblüffte Reaktionen aus deinem Umfeld, als du deine Ausbildung begonnen hast? Wie stellt man sich eine klassische Ausbildung in diesem Bereich vor?

Überraschte Reaktionen gab es tatsächlich, allerdings fast nur im positiven Sinne. Und wenn es mal negative Bemerkungen gab, war das für mich nicht von Bedeutung. Ich mache das Ganze ja für mich selbst und möchte mich ausleben, nur das zählt.

Eine klassische Ausbildung als Burlesque-Tänzerin gibt es in der Tat nicht. Es gibt aber bekannte Stars der Szene. In Deutschland gehört zum Beispiel Marlene von Steevag unbedingt dazu. Sie hat den sogenannten „Bachelorette of Burlesque“, eine Art Meistertitel, den man in Berlin an der Burlesque Academy erwerben kann. Die Ausbildung beinhaltet verschiedene Module und lehrt die Teilnehmerinnen, wie man eine eigene Show kreiert und erfolgreich vermarktet. Je nach Bühnenerfahrung und Persönlichkeit werden die Module auch angepasst, um den Frauen ganz individuell dabei zu helfen, Burlesque als Beruf auszuüben. Da ich schon etliche Shows getanzt hatte, habe ich also ganz andere Module bei Marlene absolviert als zum Beispiel eine Anfängerin, die noch keine Erfahrung hat.

Wie haben wir uns eine typische Burlesque-Stunde vorzustellen?

Oh, da geht es ziemlich ausgelassen zu. Wir sind ja ein wilder Mix, von der Architektin bis zur Lehrerin oder Studentin ist alles dabei, unter uns herrscht eine herzliche Offenheit. Niemand nimmt sich selbst zu ernst. Das ist wichtig, beim Burlesque-Tanz gibt es immer wieder Momente, in denen man plötzlich laut losprusten muss. Der kokette Blick zum Beispiel will gelernt sein. Scham oder Schüchternheit gibt es nicht bei uns, uns ist nichts peinlich. Es geht hierbei weniger um klassische Schönheit, sondern darum, Sinnlichkeit zu entwickeln, sich zu spüren, unabhängig von Alter, Größe oder Gewicht. Weil ich mich auch für die Lordz Dance Academy, das Hamburg Burlesque Festival und die Burlesque Academy in Berlin und Zürich engagiere, kann ich eindeutig sagen: Das ist wirklich überall gleich.

Gab es Momente, in denen es dir unangenehm war, davon zu erzählen? Gab es „dumme Sprüche“?

Nein, ganz und gar nicht. Da gab es keinen einzigen. Ich binde es ja auch nicht jedem auf die Nase, was ich so mache. Wenn mich allerdings jemand fragt, erzähle ich davon, und das mit Stolz. Dumme Sprüche habe ich mir tatsächlich noch nicht anhören müssen. Im Gegenteil, meine Familie ist sehr stolz darauf, dass ich meinen Weg gehe, glücklich bin und das Leben genieße.

Hast du eine persönliche Burleske-Heldin, ein Vorbild?

Oh ja. Ich habe nicht nur eine Burlesque-Heldin, sondern gleich mehrere. Dirty Martini aus New York zum Beispiel ist eine absolute Heldin für mich. Ihre innere Stärke und ihre selbstbewusste Weiblichkeit, die sie auf der Bühne so aufregend und schillernd präsentiert, finde ich umwerfend. Dann natürlich Marlene von Steevag, Sina King aus Australien und Miss Botero. Die sind einfach ganz großes Kino, echte Heldinnen und für mich auch Mentorinnen. Aber es gibt auch so viele eher unbekannte Performerinnen, die ich total klasse finde.

Was genau ist der Unterschied zu Striptease?

Der besteht ganz klar darin, dass man beim Burlesque nicht alle Hüllen fallen lässt und eben nicht splitternackt dasteht. Das Höschen bleibt zum Beispiel an. Aber da darf jede Performerin individuell entscheiden, wie viel sie ablegen möchte. Goldene Regel ist: Die Intimstellen werden niemals entblößt, sonst wäre es kein Burlesque.

Bei einer Burlesque-Nummer wird außerdem immer eine Geschichte erzählt, die mit glamourösen und meist sehr prunkvollen Kostümen ausgeschmückt wird. Den Zuschauern wird eine Story erzählt mit Dramaturgie und musischer Untermalung, bei der sie in eine völlig andere Welt abtauchen, ohne selbst etwas tun zu müssen. Der eigenen Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Da meine Wurzeln in der asiatischen Kultur liegen, erzähle ich die Geschichte einer Frau, die in starre Traditionen hineingeboren wurde. In meiner Nummer breche ich dann aus der Rolle aus, nehme Shaolin-Schwerter in die Hand und demonstriere Kraft und Stärke.

Worin liegt der Reiz, sich auf der Bühne auszuziehen?

Worin liegt der Reiz? Das ist natürlich individuell ganz verschieden, aber für mich liegt er darin, eine Grenze zu überschreiten. Dinge, die ich mich zum Beispiel als Teenager nie getraut hätte, einfach zu tun. Ich möchte mich zeigen, so wie ich bin, unabhängig von äußeren Einflüssen, zeigen, dass ich mich stark und wohl in meinem Körper fühle. Das tue ich vielleicht auch, wenn ich am Strand liege, aber da habe ich meist einen Bikini an. Beim Burlesque trage ich Kostüme, die glitzern und funkeln.

Überträgt sich die Stimmung des Tanzes auch auf andere Bereiche des Lebens?

Natürlich, es geht um eine Grundstimmung und eine Haltung zum Leben. Auch die Vertrautheit und das Albernsein in der Gruppe gehören übrigens dazu. Tanzen ist mein Leben, ich habe zwar eine klassische Ausbildung als System-/Netzwerktechnikerin (IT), aber mir war relativ früh klar, dass ich wesentlich mehr Spaß am Tanzen habe. Ich hatte das große Glück, meine Leidenschaft zum Beruf machen zu können, und unterrichte mittlerweile seit fast 19 Jahren.

Wie steht die Burlesque-Szene zum Feminismus?

Für mich hat Burlesque auf jeden Fall auch etwas mit Feminismus zu tun. Jede Frau soll selbst entscheiden dürfen, wie sie ihren Körper präsentieren möchte, ganz egal, ob mit Kleidung oder ohne. Dafür muss sie sich nicht gleich in eine Schublade einpferchen lassen. Ist das nicht wunderbar? Immer mehr Frauen bestimmen selbst für sich, was ihnen Freude bereitet, ob in der Berufswelt, politisch oder ganz allgemein im Leben. Das Training hat da einen besonderen Einfluss. Es stärkt das Selbstbewusstsein. Das hilft in den männerdominierten Jobs, in denen viele von uns arbeiten.

Wie überwindet man sich als Anfängerin, halb nackt vor anderen auf die Bühne zu gehen? Gibt es einen Trick?

Eine gute Vorbereitung ist das A und O. Vor allem auch die mentale Vorbereitung ist wichtig – und natürlich ein gewisser Drang, sich zeigen zu wollen. Ohne den geht es nicht. Hier sind Schüchternheit oder Verlegenheit definitiv nicht angebracht. Jede Frau entwickelt da so ihre ganz eigenen Rituale, um die Nervosität und das Lampenfieber vor Auftritten in den Griff zu bekommen.

Wann hast du etwas ziemlich Verrücktes getan und es so richtig genossen?

Das ist eine lustige, aber auch schwer zu beantwortende Frage. Was ist schon verrückt? Auf jeden Fall ist mein Leben nie langweilig. Denn ich erlebe so viele unglaubliche und manchmal wirklich verrückte Dinge, dass ich längst einen Roman darüber schreiben könnte.

Letztlich genieße ich einfach jeden Moment, den ich erleben darf. Mein Lebensmotto ist: „Bereue nie etwas im Leben!“ Ich bin von Natur aus ein Mensch, der sich für nichts schämt und der sehr weltoffen ist. Diese Lebensfreude ist auch beim Burlesque ein ganz zentrales Thema. Ich kann nur jedem empfehlen, die eigene Scheu zu überwinden und sich mal eine unserer Shows anzusehen. Wer besonders mutig ist, kann natürlich auch gleich zu mir in den Unterricht kommen.

Marie, vielen Dank für das Gespräch.

1 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.